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Lie­be Lese­rin­nen und Leser!

Ein Sprich­wort sagt: „Weh­ret den Anfän­gen“. Wer kennt das nicht? — Es ist oft leich­ter eine Tüte Chips gar nicht erst auf­zu­ma­chen, als nach einer Hand­voll auf­zu­hö­ren.
Oder aber eben nur einen Rie­gel Scho­ko­la­de zu genie­ßen und dann nicht weiterzuessen.

In einem Gleich­nis Jesu wol­len die Bau­ern auch den Anfän­gen weh­ren und auf­kei­men­des Unkraut sofort aus­rei­ßen.
Sie wol­len ver­hin­dern, dass es wei­ter­wach­sen kann.

Ganz anders dage­gen reagiert der Guts­herr, der den Acker bestellt hat: „Lasst es wach­sen bis zur Ernte“!

War­um?
Sieht er die Gefahr nicht, dass der gute Samen und die Früch­te even­tu­ell vom Unkraut über­wu­chert wer­den?
Jeder von Ihnen, der einen Gar­ten hat, wird über solch ein Ver­hal­ten den Kopf schüt­teln.
Wer lässt schon das Unkraut bis zur Ern­te stehen?

Es geht hier im Gleich­nis aber nicht um belie­bi­ges Unkraut.
Rich­tig über­setzt geht es um eine ganz spe­zi­el­le Sor­te: den Tau­mel-Lolch.
Die­sem Gewächs ist eigen, dass es im ers­ten Wachs­tums­sta­di­um dem Wei­zen genau gleich ist, nur im Ern­te­sta­di­um kann man die Frucht vom Unkraut unter­schei­den.
Dazu kommt, dass die Wur­zeln des Tau­mel-Lolchs sich mit den Wur­zeln des Wei­zens ver­bin­den bzw. sich um die­se schlin­gen.
Das Wach­sen­las­sen hilft also, nicht zugleich den guten Wei­zen mit auszureißen.

Und somit spricht das Gleich­nis eine ande­re sehr wich­ti­ge Rea­li­tät in unse­rem Leben an.
Manch­mal ist im Leben am Anfang noch nicht klar ersicht­lich, ob es sich um Unkraut oder Wei­zen handelt.

Am Beginn einer Bezie­hung weiß ich eben noch nicht, ob sie am Ende für mich und mein Leben frucht­bar ist.
Am Beginn einer Aus­bil­dung oder eines Stu­di­ums ist eben noch offen, ob das gut oder weni­ger gut und erfolg­reich ist.
Vie­les muss erst wach­sen, damit ersicht­lich wird, ob es gute oder schlech­te Frucht her­vor­bringt.
In unse­rer Zeit ist das The­ma „Etwas wach­sen und ent­ste­hen las­sen“ für vie­le Men­schen schwie­rig.
Man will gleich zu Beginn einer Part­ner­schaft wis­sen, ob das auch hun­dert­pro­zen­tig die rich­ti­ge Frau oder der rich­ti­ge Mann ist.
Oder man inves­tiert Zeit und Ener­gie in ein Pro­jekt oder ein Vor­ha­ben und will damit von Anfang an Erfolg haben.
Miss­erfolg, Schei­tern, Unkraut wach­sen las­sen … — das steht nicht im gesell­schaft­li­chen Trend.

Jesus macht uns mit die­sem Gleich­nis Mut, dem Wach­sen-Las­sen mehr Bedeu­tung zu schen­ken als der Fra­ge nach der Schei­dung von Gut und Böse oder nach der Ern­te.
Er tut dies in einer Zeit, in der kaum noch Raum und Zeit da ist, das Wach­sen in den Blick zu neh­men.
Viel zu schnell schau­en wir, ob mir das etwas bringt oder nicht.

Wo gibt es in mei­nem Leben etwas, bei dem es gera­de dar­um geht, etwas wach­sen zu las­sen, ohne abzu­se­hen, ob es hilf­rei­che oder schwie­ri­ge Aus­wir­kun­gen für mich haben kann?
Und: Wo ste­he ich in der Gefahr, etwas zu schnell aus­zu­rei­ßen, bevor über­haupt sicht­bar wer­den kann, ob es Unkraut oder Wei­zen ist?

Als Kir­che befin­den wir uns in einer Pha­se tief­grei­fen­der Ver­än­de­run­gen.
Vie­les wird neu gedacht, soll/muss anders getan wer­den.
Wer­den die­se Ver­än­de­run­gen frucht­ba­rer Wei­zen oder Unkraut sein?
Auch hier brau­chen wir die Geduld, es wach­sen zu las­sen.
Man­ches wird sich am Ende als nicht frucht­bar erwei­sen, ande­res dage­gen ein Samen­korn für den Neu­auf­bruch sein.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Pas­tor Chris­toph Schneider